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„Das ist Holocaust-Relativierung“

09.09.2020 - Artikel

Michaela Küchler, Vorsitzende der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken, im Gespräch mit Wieland Schneider, Die Presse, über Antisemitismus bei Corona-Protesten und die Attacke in Graz.

Das ist Holocaust Relativierung - Die Presse
„Das ist Holocaust Relativierung“ - Die Presse© Reuters/Die Presse
Die Presse: An den Protesten gegen Corona-Maßnahmen nehmen sehr inhomogene Gruppen teil. Zugleich tauchen dabei – wie zuletzt in Berlin – aber auch Neonazi-Symbole auf. Und es werden Parolen wie „Soros muss weg“ und „Rothschild muss weg“ gerufen. Beunruhigt Sie das?

Michaela Küchler: Natürlich beunruhigt mich das, gerade als Vertreterin des deutschen Vorsitzes der Internationalen Allianz zum Holocaust-Gedenken (IHRA). Es gibt ein gewisses unsägliches Grundrauschen in der Gesellschaft hinsichtlich Antisemitismus oder anderer Formen von Ausgrenzung. Aber dass das so offen zutage tritt, ist eine Entwicklung, die wir nun seit einigen Jahren beobachten. In der Coronakrise in diesem Jahr hat dies noch einmal stark zugenommen. Diesen alarmierenden Entwicklungen müssen wir sowohl zivilgesellschaftlich als auch politisch entgegentreten.

Die Presse: Welche Rolle spielen Holocaust-Leugnung oder -Relativierung?

Michaela Küchler: Bei den Corona-Protesten gab es Demonstrationsteilnehmer, die gelbe Sterne trugen, auf denen „ungeimpft“ zu lesen war. Das ist ein krasses Beispiel von Holocaust-Relativierung und führt dazu, dass die Hemmschwelle für das Nach-Außen-Tragen antisemitischer Überzeugungen sinkt. Denn wenn – wie suggeriert wird – der Holocaust nicht so schlimm gewesen sei, dann könne das ja auch mit dem Antisemitismus nicht so schlimm sein. Das ist ein gefährlicher Weg. München hat das Tragen dieser gelben Sterne ja verboten. Deutschland hat im Rahmen des IHRA-Vorsitzes ein Projekt für eine Globale Task Force gegen Holocaust-Verfälschung und -Relativierung angestoßen. Im Dezember wollen wir dazu Empfehlungen vorlegen.

Die Presse: In Graz ist es zu Angriffen auf den Präsidenten der Jüdischen Gemeinde, Elie Rosen, und die Synagoge gekommen. Als Verdächtiger wurde ein Flüchtling aus Syrien festgenommen. Was muss getan werden, um jüdische Gemeinden vor diesem sogenannten importierten Antisemitismus zu schützen?

Michaela Küchler: Antisemitismus ist zu verurteilen – egal aus welcher Richtung er kommt. In Deutschland weist die Statistik zur politisch motivierten Kriminalität für 2019 etwas mehr als 2000 Straftaten im Bereich Antisemitismus auf. Davon kommen 93,4 Prozent aus dem rechten Spektrum. Der Rest ist entweder links motiviert oder hat einen religiösen Hintergrund. Bei allen Formen des Antisemitismus muss man bei der Bildung ansetzen. Bei Flüchtlingen kommen zum Beispiel den Integrationskursen, vor allem für erwachsene Zuwanderer, eine wichtige Rolle zu. Dabei muss über den Holocaust gesprochen und Mythen in Bezug auf Israel entgegengetreten werden. Und wenn es zu solchen erschreckenden Taten wie in Graz kommt, muss man auf diese natürlich mit den Mitteln des Rechtsstaates reagieren.

Die Presse: Die IHRA beschäftigt sich auch mit dem Kampf gegen den Rassismus gegen Roma. Wie sieht hier die Lage in Europa aus?

Michaela Küchler: Rassismus gegen Roma ist heute noch weit verbreitet. Zu Beginn der Coronapandemie wurden Roma beschuldigt, das Virus zu verbreiten oder einzuschleppen. Darüber hinaus ist auch der Völkermord an den Sinti und Roma durch die Nazis bis heute nicht gründlich aufgearbeitet. Man hat erst sehr spät damit begonnen, diesen auch als Völkermord anzuerkennen. Deutschland hat in der IHRA nun einen Prozess zur Verabschiedung einer Arbeitsdefinition von Antiziganismus angestoßen.

Die Presse: Wie können Antisemitismus und Antiziganismus bekämpft werden?

Michaela Küchler: Wir müssen in den Schulen den Blick auf die Vergangenheit richten, um daraus für heute zu lernen: Für die Jugendlichen ist wichtig zu verstehen, wie es dazu kommen kann, dass man Menschen so gegeneinander aufhetzt, dass die einen die anderen massenhaft umbringen, so wie das in einem präzedenzlosen Ausmaß während der Nazi-Herrschaft geschehen ist. Man muss die Mechanismen verstehen, um zu sensibilisieren und dagegen zu immunisieren. Nur die Gesellschaften, die bereit dazu sind, sich kritisch und reflektiert mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen, können die Transferleistung erbringen, nicht in alte Muster zu verfallen und Minderheiten an den Rand zu drängen und auszugrenzen. Auch Gedenkstätten, etwa in früheren Konzentrationslagern, werden immer wichtiger, weil die Zeitzeugen bald nicht mehr unter uns sein werden.

 
von Wieland Schneider
Die Presse, vom 05.09.2020
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