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Digitales Tagebuch „Die Befreiung der NS-Zwangslager in Berlin 1945“

11.05.2020 - Artikel

Das Online-Projekt des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit nimmt die Wochen vor und nach der Befreiung Berlins aus der Perspektive der Zwangsarbeiter*innen in den Blick.

Während im April und Mai 2020 länderübergreifend an die Ereignisse rund um das Kriegsende in Europa im Frühjahr 1945 erinnert wird, ist überraschend wenig über die Befreiung der unzähligen Lager für Zwangsarbeiter*innen in der damaligen Reichshauptstadt bekannt. Diesem „blinden Fleck“ widmet sich das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin seit Ende vergangenen Jahres mit einem Rechercheprojekt unter dem Titel „Zu Ende, aber nicht vorbei“. Ziel des Projektes ist es nicht zuletzt, weitere Zeitzeug*innen zu finden, die noch aus erster Hand von ihren Erinnerungen berichten können.

Nicht nur KZ-Häftlinge mussten in den letzten Kriegsmonaten in Berlin Blindgänger räumen, Schutt beseitigen, Panzersperren errichten und bis zum letzten Augenblick für die Rüstung schuften. Auch zahlreiche Kriegsgefangene und ein ganzes Heer ziviler Zwangsarbeiter*innen wurde gezwungen, unter unmenschlichen Bedingungen den Krieg, die deutsche Wirtschaft und das öffentliche Leben am Laufen zu halten. Etwa 370.000 von ihnen befanden sich in Berlin, als die Stadt am 2. Mai 1945 vor der Roten Armee kapitulierte. Die meisten harren bei Kriegsende noch an ihren Einsatzorten und in den Lagern aus. Mehr als 3.000 solcher Lager oder lagerähnliche Unterkünfte waren insgesamt über das Stadtgebiet verteilt.

Mithilfe von Tagebuchauszügen, Zeitzeugenberichten, Fotografien und Zeitungsartikeln, dokumentiert das Online-Projekt die Wochen vor, aber auch nach dem Kriegsende in der Stadt, aus Sicht der zahlreichen Zwangsarbeiter*innen: die anhaltenden Luftangriffe, die zermürbende Arbeit in den Fabriken, der erste Kontakt zu den Soldaten der Roten Armee, die Orientierungslosigkeit nach der Befreiung, aber auch die langersehnte Rückkehr in die Heimat.

Digitales Tagebuch „Die Befreiung der NS-Zwangslager in Berlin 1945“
Digitales Tagebuch „Die Befreiung der NS-Zwangslager in Berlin 1945“© Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

Mit dem Projekt soll nicht nur eine Lücke in der historischen Forschung sichtbar gemacht, sondern auch darauf verwiesen werden, dass das Kriegsende viele Facetten hatte.  Ein schwarz-weiß Schema von Gewinnern und Verlierern verkürzt den Blick auf die Ereignisse im Frühjahr 1945. Zudem soll die Thematik der NS-Zwangsarbeit und die lange vergessene Opfergruppe der Zwangsarbeiter*innen stärker in das öffentliche Bewusstsein gerückt werden – wichtig gerade in diesen Zeiten, in denen die Themenfelder Flucht, Migration und Ausbeutung, aber auch rassistische und fremdenfeindliche Tendenzen in der Gesellschaft wieder in den Fokus vieler Diskussionen rücken.

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