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Begrüßungsansprache des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Ralf Wieland, zur Übergabe des Vorsitzes der IHRA an Deutschland

03.03.2020 - Artikel

Genau vor 75 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz von Soldaten der Roten Armee befreit. Auch wenn der Zweite Krieg damals am 27. Januar 1945 noch nicht zu Ende war. Dieser Gedenktag besitzt Symbolkraft, weil er die barbarischen Verbrechen der Deutschen an Jüdinnen und Juden in Deutschland und Europa ins Zentrum des Gedenkens rückt. Und wir halten bis heute inne und fragen nach den Gründen für diesen Kollektivmord an über 6 Millionen Jüdinnen und Juden.

Leider ist das aktuell in Deutschland wieder zwingend erforderlich. Nicht nur im Alltag, oder im Internet, überall nehmen antisemitische Ausfälle, Verbrechen und Terrorakte in Deutschland zu. Wir Demokraten werden also neu herausgefordert. Das müssen und werden wir ernst nehmen. Denn anders als in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts heißt es für uns: Wir dürfen nicht wegschauen. Mit all dem Leid, das wir Deutsche im Rahmen der nationalsozialistischen Diktatur anderen Menschen zugefügt haben, in gegenwärtigen Zeiten Geschichtsklitterung zu betreiben, verbietet der Anstand eigentlich von selbst.

Sollte man denken.

Doch so einfach ist es nicht. Inzwischen haben sich wieder rechtsextremistische Netzwerke gebildet, von denen eine große Gefahr – auch für Juden  - ausgeht. Der Anschlag auf die Synagoge von Halle hat uns allen das sehr deutlich gemacht.

Nein, der Antisemitismus ist nicht aus Deutschland verschwunden. Er ist mitten unter uns. Wir als deutsche Gesellschaft sind deshalb aufgerufen, diese Entwicklung ernst zu nehmen, nicht zu verharmlosen. Der jährliche Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar soll auch das unterstreichen.

Wir im Abgeordnetenhaus sind uns unserer historischen Verantwortung bewusst. Seit fast zwei Jahrzehnten veranstalten wir im Umfeld des Gedenktages ein Jugendforum. Es heißt „denk!mal“. Junge Menschen präsentieren ihre Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und mit den heutigen Ausformungen von Rassismus und Antisemitismus. Sei es in Form von Musikbeiträgen, sei es in Form von Theateraufführungen oder sei es in Form von Beiträgen für eine Ausstellung.

Wir öffnen für diese Veranstaltung auch unseren Plenarsaal. Es ist ergreifend zu sehen, wie junge Menschen sich mit den unterschiedlichen Varianten von Menschenverachtung beschäftigen. Sie tragen so hoffentlich dazu bei, dass ihre Altersgenossinnen und –genossen ins Nachdenken kommen. Eine Gruppe aus der letzten „denk!mal“-Veranstaltung tritt heute hier noch auf.

Zudem kooperieren wir seit 19 Jahren mit der Obermayer Stiftung aus den USA bei der Verleihung der German Jewish History Awards. Auch diese Verleihung findet jedes Jahr bei uns im Haus statt, ebenfalls am 27. Januar oder im unmittelbaren Umfeld dieses Datums. Forscherinnen und Forscher oder auch Initiativen, die sich in Deutschland mit der Geschichte des Zusammenlebens von Deutschen und jüdischen Deutschen beschäftigen, werden ausgezeichnet. Auch hier wird immer wieder deutlich, wie vielfältig das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in Deutschland war. Es zeigt sich immer wieder: Die kulturelle Verwurzelung war viel tiefer, als es die 12 Jahre Nationalsozialismus vermuten lassen.

Das Gedenken an den Holocaust, die Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus bleibt für uns Deutsche eine ständige Aufgabe und Pflicht. Das ist nicht immer einfach vor dem Hintergrund des auch in Deutschland erstarkten Rechtsextremismus, wie das rassistische Attentat von Hanau gezeigt hat. Umso wichtiger ist es, in diesem Kampf auch international zusammenzustehen.

Das macht die International Holocaust Remembrance Alliance. Und deshalb freue ich mich, dass Sie alle heute unsere Gäste im Abgeordnetenhaus von Berlin sind.

Vielen Dank.

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